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Wohnungswechsel: Wenn der Umzug aufs Gemüt schlägt


Bild: Christin Klose/dpa-tmn/dpa

Der Geruch der Räume, die Geräusche aus dem Treppenhaus: fremd. Die Nachbarn: unbekannt. Der Blick aus dem Fenster: neu und ungewohnt. Wer umzieht, wechselt mehr als nur die Anschrift. Doch wie schwer uns das fällt, ist Typsache. Und eine Frage der Umstände.

«Wenn ich mit Kindern auf einen anderen Kontinent ziehe, ist das natürlich eine sehr einschneidende Erfahrung, weil sich nicht nur mein gesamtes soziales, sondern auch mein kulturelles Umfeld verändert», sagt die Diplompsychologin und Autorin Prof. Eva Asselmann («Woran wir wachsen.»). «Ziehe ich als Paar in die größere Wohnung drei Häuserblocks weiter, dann ist das weitaus weniger einschneidend.»  

Doch auch der Umzug in den Nachbarort, von der Stadtwohnung im Zentrum ins Haus am Stadtrand oder andersherum, kann seine Herausforderungen haben, uns aus dem Gleichgewicht bringen. «Wenn ich ein Mensch bin, der vielleicht auch viel zu Hause ist und das Zuhause als Safe Space auffasst, als festen Rückzugsort, wo ich mich sicher fühle, dann ist so ein Wechsel vielleicht auch schon schwierig», sagt die systemische Coachin Pernille Behnke. «Selbst, wenn der Freundeskreis bestehen bleiben kann, weil man nur ein paar Straßen weiter zieht.»  

Neue Wohnung, neue Lebensphase

Hinzu kommt: Wer die Wohnung wechselt, lässt nicht selten auch einen Lebensabschnitt hinter sich. Mit dem Umzug vom WG-Zimmer in die erste eigene Wohnung vielleicht die Studienzeit. Mit dem Wegzug aus dem Haus, in dem die Kinder aufgewachsen sind, die Jahre als der Nachwuchs noch zu Hause lebte.

Besonders schmerzen kann ein Umzug, wenn er durch einen Verlust bedingt ist. «Oft erlebe ich, dass es Frauen, die eine Trennung hinter sich haben oder verwitwet sind, ganz schwerfällt, dieses Nest, das sie mal in einer Partnerschaft hatten, mit all den Erinnerungen, zu verlassen», berichtet Behnke, die häufig mit Menschen in Veränderungsprozessen arbeitet. An der Wand hängen die Familienfotos, im Wohnzimmer saß man bei Familienfeiern. «Diese Räume sind so emotional aufgeladen, dass es unglaublich schwer ist, das zurückzulassen.» 

Wie also kann der Umzug in eine andere Wohnung auch dann zum positiv besetzten Neuanfang werden, wenn wir ihn nicht unbedingt herbeisehnen? Was kann einen Wohnortwechsel leichter machen?

Psychologin Asselmann empfiehlt, sich schon im Vorfeld des Umzugs Strategien zu überlegen. Und zwar nicht nur fürs Logistische, also Umzugshelfer, Ummeldung, Umzugskartons. Sondern auch für die Zeit nach dem großen Tag. 

«Es nimmt schon mal sehr viel Druck und Stress raus, wenn ich mich damit auseinandersetze, wie ich weiter wohnen und leben möchte am neuen Ort», sagt die Professorin. Dazu kann auch gehören, sich erste Anlaufstellen herauszusuchen. «Angenommen ich kenne noch niemanden, könnte ich mir etwa vorher schon mal überlegen, was es denn für Sportclubs oder Freizeitaktivitäten gibt, wo man vielleicht mal vorbeischauen könnte, um Anschluss zu finden.» 

Abschiedsrituale zum Auszug

Helfen könne auch, sich einmal Zettel und Stift zu nehmen und zu überlegen, auf welche positiven Aspekte man einen Fokus legen könne, rät Coachin Pernille Behnke. Vielleicht ist es die Chance, sich neu einzurichten, eine neue Wandfarbe auszuprobieren. Vielleicht der kürzere Arbeitsweg, die Chance neue Menschen kennenzulernen, neue Lieblingscafés zu entdecken oder - endlich - einen Balkon zu haben. 

«Wenn man ein bisschen darüber nachdenkt, fallen einem in der Regel doch mehr Sachen ein, als man vielleicht zuerst glaubt, wenn man mit der Übung anfängt», sagt Behnke. Dinge, die man sich vor Augen halten kann, wenn man in den neuen vier Wänden sitzt und zunächst Trübsal bläst. 

Und: Zum Start ins Neue gehört der Abschied vom Alten. Den ganz bewusst zu gestalten, kann durchaus sinnvoll sein. «Das fängt damit an, dass man seiner Wohnung einen Abschiedsbrief schreiben kann», sagt Coachin Behnke. Welche Erfahrungen hat man hier gesammelt, welchen Lebensabschnitt verbracht? Was wird man mitnehmen, an was für immer sich erinnern?  

Ein anderes Abschiedsritual: «Etwas von sich in dieser Wohnung belassen, das vielleicht erst Generationen später entdeckt wird», schlägt Behnke vor. «Sei es eine kleine Münze, sei es ein kleiner Brief, sei es ein Foto, ein Zeitungsausschnitt. Irgendetwas, das einen an die Zeit dort erinnert.» Ob man es nun unter einer lockeren Diele versteckt oder hinter einer losen Leiste: «Dieses Wissen, dass ein ganz kleiner Teil von mir hier bleibt, das ist manchmal auch ganz tröstlich.»

Zuerst das auspacken, was uns guttut

Natürlich kann es auch die große Abschiedsparty sein, das festliche Abschiedsessen mit Freunden, mit dem man sich von der liebgewonnenen Wohnung, der dort verbrachten Zeit, verabschiedet. Drängen lassen sollte man sich dazu aber nicht. «Vielleicht gibt es Menschen, die auch die Ruhe bevorzugen und sagen: Ich möchte lieber allein ein Glas Rotwein genießen, ich möchte noch mal eine Kerze anzünden, ich möchte noch mal durch alle Räume gehen oder ganz laut eine bestimmte Ouvertüre hören, die mir etwas Besonderes bedeutet», gibt Behnke zu bedenken. Das müsse jeder individuell für sich entscheiden.  

Doch so gut der Abschied auch geplant ist, der Umzug funktioniert: Der erste Abend in der neuen Wohnung fühlt sich wohl immer etwas fremd an. Schön, wenn man dann in all dem Umzugschaos einige vertraute Dinge um sich hat. 

«Was ich immer gemacht habe in meinem Leben, wenn ich umgezogen bin: Ich habe eine Kiste gepackt, da war immer eine große Nummer eins drauf. Das war die wichtigste Kiste, die ich als Erste ausgepackt habe», sagt Behnke. «Und da waren ein paar Wohlfühldinge drin: Kerzen, Fotos, die ich aufgestellt habe. Vielleicht ein Bild, das ich gleich als allererstes aufgehängt habe.» 

Die Fühler ausstrecken

Auch die Wolldecke, in die man sich allabendlich auf dem Sofa einkuschelt oder ein besonderes Buch, das man am ersten Abend in der neuen Wohnung lesen möchte, können solche Wohlfühldinge sein - und das Ankommen erleichtern. Wer allein umgezogen ist, dem hilft es womöglich auch, direkt Zeit einzuplanen, um mit engen Freunden zu telefonieren, rät Psychologin Asselmann. «Oder dass ich mir überlege, ich klingle jetzt mal bei den Nachbarn, bringe denen eine kleine Aufmerksamkeit vorbei und stelle mich vor.» 

Allzu große Erwartungen auf schnelle Freundschaften muss man damit nicht verbinden. Die Idee dahinter vielmehr: erste Kontakte knüpfen, «ein bisschen schon den ersten Schritt aus der Isolation raus wagen», sagt Asselmann. 

Ihr zufolge in jedem Fall wichtig, vor allem bei Umzügen weiter weg: Den Kontakt zu Freunden und Familie in der alten Heimat halten, aber auch das neue Umfeld erkunden. Denn nur wer sich auf das Neue einlässt, kann letztendlich auch gut ankommen - und heimisch werden. 


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(20.03.2024)